Grænländer Sternhagel
DERHANK


Kurze Kurzgeschichte
eBook
35 Seiten
ISBN-13 978-3-8476-1678-8
0,99 €

erhältlich im Online-Buchhandel


»Aber ich lebe auch nicht in Sizilien (nicht mehr), sagt sie sich, sagt sie sich jeden Tag, seit Jahren, und ist dabei so schwermütig, wie eine süditalienische Italienerin nur schwermütig sein kann.«

Kleine Anekdote aus der nahen Zukunft dieses Planeten.




Leseprobe Grænländer Sternhagel


Hinterm Weinberg ragt der Gletscher empor und scheint sich Maria auf unheimliche Art zu überwerfen, so unheimlich, dass sie jedes Mal den Blick senken muss. Paniik, ihre Tochter, lacht darüber. Für Paniik ist das ewige (oder eben doch nicht ewige) Eis voll das Leben. Nur für Maria ist dieser weiße Riese etwas Widernatürliches und ganz und gar Unsizilianisches.
Aber ich lebe auch nicht in Sizilien (nicht mehr), sagt sie sich, sagt sie sich jeden Tag, seit Jahren, und ist dabei so schwermütig, wie eine süditalienische Italienerin nur schwermütig sein kann. Denn dass sie hier, im eisigen Grönland, zwischen mannshoch grünbelaubtem Heimweh steht, das ist das eigentlich Widernatürliche an ihrem Leben.
Dabei war oder ist die viel beschworene Klimakatastrophe für Maria mitnichten eine. Bescherte sie ihr doch Atanarjuat, ihren zweiten Mann und Nachfahren stolzer Karibujäger und Robbenfischer, und einen - wenn auch fußbodenbeheizten (dazu später) - Weinberg am gerölligen Südhang des schmelzenden Kangerlussuaq, der das Licht der tiefen Sonne so hell und grell reflektiert, dass sie sich darin - sozusagen versöhnlich - in sizilianischer Mittagshitze zu wähnen versucht.
Der Herr hat's genommen, der Herr hat's gegeben, zitiert sie in Gedanken und falsch eine flüchtige Erinnerung an das weihgeräucherte Innere einer kerzen­flackernden messinischen Dorfkapelle, und wenn auch der Ätna ihrer - Stichwort Klima - sonnenversengten Heimatinsel den Rest gegeben hat, wenn auch längst meterdickes Lavagestein die schon vorher abgestorbene Landwirtschaft ihrer Familie - ihrer Herkunftsfamilie - mitsamt derselben abdeckt (und auch der heißgeliebte schwarze Primitivo endgültig Geschichte ist), wenn sie auch mit erstem Mann und erster Maus alles verloren hat, was mal ihr ganzes Leben gewesen war, so ist ihr doch, dank Atanarjuat und dank dieses zunehmend ergrünenden Landes, nun tausendmal mehr gegeben, als ihr je der Herr hatte nehmen können.
Angefangen mit einer Kreuzworträtselpauschalreise durch Island, einmal ohne famiglia und ohne vigneto, stattdessen mit einem sich als Scout verdingenden und reichlich abgehalfterten Grönländer, der sich Maria als gescheiterter und deswegen im gesamten Polarkreis den Jobs hinterhervagabundierender Ureinwohner des Nordens vorstellte, und der ihr eine von Makrelenschnaps, Körpersäften und Gewissensbissen geschwängerte (und Maria schwängernde) Igluzeltnacht am Ufer eines eingeschlafenen Geysirs bescherte, gefolgt von ein paar weiteren Malen sich gewollt zufällig in Reykjavik über den Weg gelaufen sein, und schließlich die Einladung, ihn, den Lebenskünstler aus dem ewigen Eis, im Selbigen zu besuchen. So hatte sich eins zum anderen gefügt, und als die Nachrichten aus Europa sich überschlugen und das Thermometer schneller anstieg, als ihr Bauch dick wurde, da war klar, wo Maria, die Sizilianerin, fortan bleiben würde.

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